Waffenverbotszone

*English below*

Redebeitrag zur Einrichtung der WVZ: Demo am 5.11.18

 

Solidarität statt Verdrängung, Überwachung und Rassismus

Die Eisenbahnstraße wird ab heute eine Waffenverbotszone sein. Das ist für uns kein Anlass, beruhigt aufzuatmen, weil es hier jetzt sicherer werden wird. Sondern Anlass dafür, unseren Protest gegen polizeiliche Kontrolle und Überwachung und für eine solidarische Nachbarschaft auf der Straße zu demonstrieren.

Innenminister Wöller (CDU), Oberbürgermeister Jung (SPD) und Polizeipräsident Merbitz verfolgen mit der WVZ eine rigide Law-and-Order Politik. Dass sie die Einrichtung der Waffenverbotszone mit einer „feierlichen Enthüllung der Verbotstafeln“, begleitet von viel Presse, begehen, ist an Absurdität und Selbstinszinierung kaum zu übertreffen.

Kern der Einrichtung der WVZ ist, dass jede Person, die absichtlich oder unwissentlich eine Waffe oder einen gefährlichen Gegenstand mit in dieses Gebiet nimmt, bis zu 10.000€ Strafe zahlen muss. Natürlich nur, wenn sie dabei erwischt wird und solange keine bestimmten Ausnahmen greifen. So werden dauerhaft verdachtsunabhängige Kontrollen ermöglicht und wir werden mit wesentlich mehr Polizeipräsenz konfrontiert sein. Dass dies nur ein Instrument ist, um einen selbst produzierten „Kriminalitätsschwerpunkt“ zu befrieden und unter dem Label der „Sicherheit“ eine autoritäre Entwicklung voranzutreiben, ist für uns klar. Die Bezeichnung „Waffenverbotszone“ ist irreführend. Waffen mit sich herum zu tragen ist in den seltensten Fällen erlaubt und das ist auch gut so. Was es der Polizei durch die Erforschung von Verstößen ermöglicht, ist jedoch vor allem die Suche nach Menschen, die hier keinen Aufenthaltstitel bekommen und deswegen kriminalisiert werden.

Racial profiling – Kontrollen sind gängige rassistische Praxis. Noch dazu bei der sächsischen Polizei, die mit Meldungen über Sympathie mit AfD und neonazistischen Strömungen, sowie einem offen rassistischen Ton, auch in letzter Zeit wieder in die Kritik geraten ist.

Als Begründung für die Notwendigkeit einer WVZ wird immer wieder auf die steigende Kriminalität verwiesen. Wir haben keine Motivation Verletzung von Leben, Körper, Freiheit und sexueller Selbstbestimmung kleinzureden. Selbst eine Tat wäre eine zu viel. Jedoch sind diese Gewaltdelikte nicht durch eine höhere Kontrolldichte zu vermeiden. Man findet ja nur dort Straftaten, wo man hinschaut. Sexuelle Übergriffe aber, die den höchsten Anteil an Gewalt darstellen, sind in den seltensten Fällen sichtbar. Sexismus ist ein gesellschaftliches Problem und keine Eigenart der Eisenbahnstraße.

Die Panik vor der steigende Kriminalität, die aus den polizeilichen Kriminalitätsstatistiken hergeleitet und dramatisiert wird, verblasst bei genauer Betrachtung. Nicht nur, dass sich die Bevölkerungszahl hier im Viertel enorm vergrößert hat – was zugenommen hat sind vor allem Straftaten, die sich auf Eigentum beziehen, also Diebstahl, und auf Drogen. Kriminalität ist nur die Erscheinungsform sozialer Probleme und somit sollte die soziale Ungleichheit und herrschende Diskriminierung die Anknüpfung sein, um im Viertel für ein gutes Miteinander zu schaffen. Menschen klauen nicht aus Spaß, sondern aus Armut. Dass es einen Zusammenhang zwischen der hohen Anzahl an Diebstahl und sozialhilfeempfangender Menschen geben könnte, sehen sie nicht.

Menschen verkaufen Drogen nicht aus Spaß, sondern weil sie wegen einer fehlenden Aufenthaltserlaubnis keiner legalen Arbeit nachgehen können. Dass die unmenschliche Asylpolitik diese Probleme selbst verursacht, sehen sie auch nicht.

Oder sie wollen es nicht sehen, weil sie lieber Aufrüsten.

Wir sind der Überzeugung, dass eine Strategie, die auf der Personalisierung und Verräumlichung gesellschaftlicher Probleme basiert, nichts verbessern wird. Bestimmte Menschen und Orte werden kriminalisiert und bestraft. Dies führt jedoch nur zu permanenter Überwachung, einer Verschiebung aus dem Sichtbaren und dem Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft. Wir alle wollen hier leben und daher zusammen soziale Lösungsansätze für bestehende Probleme erarbeiten.

Dazu verbinden wir Kämpfe miteinander, die die sozialen Probleme unseres Viertels wirklich angehen. Dazu zählt:

– der Widerstand gegen den Ausbau eines „Sicherheitsapparates“ durch Polizeipräsenz, Kontrollen, Kameras, racial profiling und weitere technische Aufrüstung und Ausweitung der Befugnisse durch das neue Polizeigesetz

– der Kampf gegen Ideologien, die die Freiheit und Gleichheit aller Menschen in Frage stellen, sowie jede Art von Diskriminierung. Sei es Rassismus gegen schwarze Menschen, Sexismus gegen Frauen*, Klassismus gegen arme Menschen, Antisemitismus gegen jüdische Menschen und Antiromaismus gegen Sinti und Roma.

– die Forderung, sozialstaatliche Leistungen für alle (auch für Illegalisierte) bereitzustellen. Beispielsweise in Form von kostenloser Gesundheitsversorgung, Wohnungslosenunterkünften, Drogenkonsumräumen und das Einstellen der Hartz IV-Sanktionen

– der Einsatz gegen Entmietung und einer Aufwertung des Viertels, die dazu führt, dass finanziell schlecht aufgestellte Menschen immer weiter an die Stadtränder verdrängt und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden

– das Engagement in sozialen Projekten für eine solidarische Nachbarschaft, wie Bildungsarbeit und Unterstützung von Geflüchteten

Einen Anstoß dazu wollen wir auf dieser Kundgebung geben und laden alle dazu sein, sich an kreativen Aktionen, Vernetzung und inhaltlicher Weiterarbeit zu beteiligen.

 

 

*English*

 

Speech to the opening of Waffenverbotszone on the demonstration on 5.11.18

Solidarity instead of repression, surveillance and racism

As of today, the railway road will be a weapons ban zone. That is no reason for us to breathe a sigh of relief, because it will be safer here now. Rather, it is a reason to demonstrate our protest against police control and surveillance and for a neighbourhood based on solidarity on the streets.

Interior Minister Wöller (CDU), Lord Mayor Jung (SPD) and Police President Merbitz are pursuing a rigid law-and-order policy with the WVZ. The fact that they are committing the establishment of the weapons prohibition zone with a “solemn unveiling of the prohibition boards”, accompanied by a lot of press, can hardly be surpassed in absurdity and self-incineration.

The core of the WVZ is that every person who intentionally or unknowingly takes a weapon or a dangerous object into this area must pay a fine of up to €10,000. Of course, only if she is caught doing so and as long as no specific exceptions apply. This will make it possible to carry out permanent checks without suspicion and we will be confronted with a much greater police presence. It is clear to us that this is only an instrument to pacify a self-produced “crime focus” and to promote an authoritarian development under the label of “security”. The term “weapons prohibition zone” is misleading. Carrying weapons around with you is rarely permitted and that is a good thing. What the police can do by investigating violations, however, is above all to search for people who do not have a residence permit here and are therefore criminalised.
Racial profiling – controls are common racist practice. And even more so with the Saxon police, who have been criticised again recently for their reports of sympathy with the AfD and neo-Nazi movements, as well as for their openly racist tone.

As reason for the necessity of a WVZ again and again to the rising crime one refers. We have no motivation to denigrate violations of life, body, freedom and sexual self-determination. Even one act would be one too many. However, these violent crimes cannot be avoided by a higher control density. You can only find crimes where you look. But sexual assaults, which represent the highest proportion of violence, are rarely visible. Sexism is a social problem and not a peculiarity of the railway road.
The panic about rising crime, which is derived and dramatised from police crime statistics, fades on closer inspection. Not only has the population increased enormously here in the neighbourhood – what has increased are above all crimes relating to property, i.e. theft, and to drugs. Crime is only the manifestation of social problems and therefore the social inequality and prevailing discrimination should be the link to create in the neighbourhood for a good togetherness. People steal not for fun, but for poverty. They do not see that there could be a connection between the high number of thefts and people receiving social assistance.
People do not sell drugs for fun, but because they cannot work legally because they do not have a residence permit. Nor do they see that the inhuman asylum policy itself causes these problems.
Or they do not want to see it because they prefer to arm themselves.

We are convinced that a strategy based on the personalisation and spatialisation of social problems will not improve anything. Certain people and places will be criminalised and punished. However, this only leads to permanent surveillance, a shift from the visible and the exclusion of people from society. We all want to live here and therefore work together to find social solutions to existing problems.

To this end, we combine struggles that really address the social problems of our neighbourhood. This includes resistance against expansion:

– Resistance to the development of a “security apparatus” through police presence, controls, cameras, racial profiling and further technical upgrading and extension of powers through the new police law.

– the fight against ideologies that call into question the freedom and equality of all human beings, as well as all forms of discrimination. Be it racism against black people, sexism against women*, classism against poor people, anti-Semitism against Jewish people and antiromaism against Sinti and Roma.

– the demand to provide welfare state services for all (including illegalised persons). For example in the form of free health care, accommodation for the homeless, drug consumption rooms and the discontinuation of Hartz IV sanctions.

– the fight against renting out and the upgrading of the neighbourhood, which means that financially disadvantaged people are increasingly marginalised and excluded from public life

– the involvement in social projects for a neighbourhood based on solidarity, such as educational work and support for refugees

We want to give an impetus to this at this rally and invite everyone to take part in creative actions, networking and further work on content.

 

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