Die repressive Reaktion der Polizei bei Interventionen in rassistische Polizeikontrollen

English below: The repressive police response to interventions in racist police controls

Die Polizei ist nicht die einzige Akteurin von Gewalt. Sie ist auch nicht die einzige Akteurin von Unterdrückung. Ihr primärer Zweck aber ist nicht die Bekämpfung von Gewalt oder Unterdrückung, sondern die Stabilisierung der „öffentlichen Ordnung“, dass heißt die Sicherung von Kapital und privatem Eigentum (Duff 2021: 7). Ein Bericht über eine friedliche Intervention einer rassistischen Polizeikontrolle, bei der am Ende wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamt:innen gegen drei Unschuldige ermittelt wird.

Was ist passiert? 

An einem Abend im Oktober 2019 beobachten drei Freundinnen eine Polizeikontrolle im Park gegenüber des Leipziger Hauptbahnhofs. Sie intervenierten, in dem sie mit Abstand die kontrollierte Person ihre Unterstützung anboten und nach dem Grund der Kontrolle fragten. Nach einem Wortwechsel mit den Polizist:innen über die Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit des Einsatzes, sollten sich die drei Freundinnen von der Situation entfernen. Was sie auch taten, indem sie zur nächsten Straßenecke gingen und von dort das Geschehen beobachteten. Nach der Kontrollmaßnahme liefen die Polizist:innen auf einmal auf sie zu und verlangten nach ihre Personalien, weil sie ihre Maßnahme gestört hätten. Während die Personalien kontrolliert wurden, gab es ein ruhiges Gespräch über die Rechtmäßigkeit solcher Kontrollen. Damit sollte die Situation eigentlich vorbei sein.

Aber zwei Monate später erreicht alle eine Anzeige gemäß § 114 StGB, also der Vorwurf „Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“! In dem darauf folgenden Verfahren stellte sich heraus, dass es keinen „tätlichen Angriff“ auf die Polizeibeamt:innen gegeben hatte und das die Polizistin, welche die Freundinnen anzeigte, gelogen hatte. Zudem gab es zuvor keine Ankündigung über eine Strafverfolgung. Mit der Einstellung des Verfahrens im Rücken gingen die drei Freundinnen umgekehrt gerichtlich gegen die lügende Polizistin vor, in dem sie eine Sachaufsichtsbeschwerde einreichten und versuchten die Verfahrenskosten auf die Beamtin umlegen zu lassen. Anschließend ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen die Beamtin wegen „Verfolgung Unschuldiger“, was später in „Falsche Verdächtigung“ abgemildert wurde. Durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Polizistin stellte sich heraus, dass diese erst nachträglich, also später als angegeben, eine Anzeige gegen die drei Freundinnen erstattete. Besonders brisant ist dabei, dass das direkt nach einer Weiterbildung zu § 114 StGB passierte. Das Verfahren gegen die Polizistin wurde ebenfalls eingestellt, weil keine Böswilligkeit nachgewiesen werden konnte. 


Was bleibt nach dieser Repression?


Das Beispiel zeigt auf wie wichtig und konfliktreich eine kritische Intervention bei einer (rassistischen) Polizeikontrolle sein kann. Das Risiko, selber ins Visier der Beamt:innen zu geraten, ist groß. Entweder wie im Beispiel nach einer friedlichen Intervention oder aber bei einer Anzeige gegen Polizist:innen wegen Polizeigewalt. Hier zeigen die Statistiken, dass etwa 31% der angezeigten Beamt:innen als Reaktion eine Gegenanzeige stellen (Polizeigewalt-Studie KViA der RUB; https://www.foeps-berlin.org/fileadmin/institut-foeps/Dokumente/2021/FOEPS-WSG2021-01-13_KVIAPOL-Singelnstein-Folien.pdf S. 35). Nichtsdestotrotz brauchen wir eine solidarische Praxis, um uns gegen den autoritären Staat und seine Polizei zu stellen. Die drei Betroffenen stellen fest: „Es macht uns einfach sauer, wenn Unschuldige ohne ersichtlichen Grund mit Repressionen überzogen werden. Das ist einfach ungerecht.“


Theoretiker:innen der Abolitionismus-Bewegung stellen fest, dass eine Diversifizierung der Polizei (Mehr Frauen*, Mehr Migrant:innen, Mehr Sensibilisierung) lediglich das Problem diversifiziere, solange keine strukturellen Veränderungen passieren. Daran müssen wir in unserer Kritik an der Polizei und ihren Methoden ansetzten! Dieser Bericht zeigt exemplarisch auf, wie die Polizei auf friedliche Interventionen als aggressive Akteurin reagiert. Er zeigt auf wie schwierig und gefährlich es für eine solidarische Zivilgesellschaft sein kann, diese Institution kritisch zu beobachten. Und sie zeigt auf, wohin Schulungen zur Weiterbildung und Sensibilisierung von Polizeibeamt:innen führen können, wenn ein #Polizeiproblem nicht strukturell gelöst, sondern diversifiziert wird. Es führt zur Verfolgung Unschuldiger.  Mit den eigenen Waffen schlagen.

Ca. 31% der Polizeibeamt:innen entscheiden sich bei einer Anzeige für eine Gegenanzeige (s.o.). Dies ist aus polizeilicher Sicht ein effektives Mittel der Repression, da die Deutungsmacht bei der Polizei liegt. Besonders problematisch: Später beruft sie sich wiederum auf die PKS (Polizeiliche Kriminalstatistik), um weitere repressive Maßnahmen, wie etwa gefährliche Orte etc., zu legitimieren.      Drehen wir den Spieß um! Die drei Protagonist:innen aus dem Bericht zeigen, wie  im Kleinen eine solidarische Praxis aussehen kann, wenn man von Repression betroffen ist und die Ressourcen für ein Verfahren hat. Mit einer Sachaufsichtsbeschwerde wird der Vorfall wenigstens statistisch erfasst. Ohne diese Reaktion der drei Freundinnen wäre lediglich die Anzeige der Polizistin in die Statistik eingegangen, nicht aber das sie log und das Verfahren eingestellt wurde. 

 

English

The police are not the only agents of violence. Nor is it the only agent of repression. Its primary purpose, however, is not to combat violence or oppression, but to stabilize “public order,” that is, to secure capital and private property (Duff 2021: 7). A report about a peaceful intervention at a racist police control, where in the end three innocent people are investigated for resisting law enforcement officers.

What happened? 

On an evening in October 2019, three friends observed a police check in the park opposite Leipzig Central Station. They intervened, in which they offered their support to the controlled person at a distance and asked about the reason for the control. After an exchange of words with the police officers about the reasonableness and legality of the operation, the three friends were asked to leave the situation. They did so by walking to the next street corner and observing what was happening from there. After the control measure, the police officers suddenly ran up to them and demanded their personal details because they had disturbed their measure. While their personal details were being checked, there was a quiet conversation about the legality of such checks. This should have put an end to the situation.

But two months later all reached a complaint in accordance with § 114 StGB, thus the reproach “assault on enforcement officials”! In the following procedure it turned out that there had been no “assault” on the police officers and that the policewoman who reported the friends had lied. In addition, there had been no prior announcement of a criminal prosecution.With the discontinuation of the proceedings behind them, the three friends took legal action against the lying policewoman by filing a complaint and attempting to have the costs of the proceedings passed on to the officer. Subsequently, the public prosecutor’s office investigated the officer for “persecution of innocent people,” which was later toned down to “false suspicion”. Through the investigations of the public prosecutor’s office against the policewoman it turned out that she filed a complaint against the three friends only afterwards, i.e. later than stated. It is particularly explosive that this happened directly after a further training to § 114 StGB. The case against the policewoman was also dropped because no malice could be proven. 

What remains after this repression?

The example shows how important and conflictual a critical intervention in a (racist) police control can be. The risk of being targeted by the officers is high. Either after a peaceful intervention, as in the example, or in the case of a complaint against a police officer. Here the statistics show that about 31% of the reported officers make a counter report as a reaction (report “Racism and Experiences of Discrimination Regarding Police Use of Force” by RUB; https://www.foeps-berlin.org/fileadmin/institut-foeps/Dokumente/2021/FOEPS-WSG2021-01-13_KVIAPOL-Singelnstein-Folien.pdf Page 35 ). Nevertheless, we need a practice of solidarity to oppose the authoritarian state and its police. The three people concerned state: “It simply makes us angry when innocent people are covered with repression for no apparent reason. “We say that system is not fair! We have to solve the #police problem structurally and not hope with further training of officers that they will bully people less.

Theorists of the abolitionist movement note that diversifying the police (more women*, more immigrants, more awareness-raising) would only diversify the problem. Only diversifies the problem as long as no structural changes happen. This is where we have to start in our criticism of the police and their methods! This report shows exemplarily how the police reacts to peaceful interventions as an aggressive actor. It shows how difficult and dangerous it can be for a civil society in solidarity to observe this institution critically. And it shows where trainings to educate and sensitize police officers can lead to when a #policeproblem is not structurally solved but diversified. It leads to the persecution of innocent people. 

Approximatily 31% of police officers decide to file a counter report when they receive a report. From a police perspective, this is an effective means of repression, since the power of interpretation lies with the police. Particularly problematic: Later, the police refer to the PKS (criminal statistics by police) to legitimize further repressive measures, such as dangerous places, etc.

Let’s turn the tables! The three protagonists from the report show what solidar practice can look like on a small scale, when one is affected by repression and has the resources to face a trial. Supervision complaints at least statistically record the incident. Without this reaction of the three friends, only the police officer’s report would have been included in the statistics, but not the fact that she lied and the case was dropped.  

Duff, Koshka (2021) Introduction, in: Abolishing the Police, Dog Section Press, London

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