Die faktische Abschaffung der Waffenverbotszone

#WVZabschießen Die Leipziger Waffenverbotszone ist faktisch abgeschafft! #SozialeSicherheitstärken

English below

Auf der Pressekonferenz1 am 9.6.21 verkündete der sächsische Innenminister, dass die Waffenverbotszone auf der Leipziger Eisenbahnstraße bald „überwunden“ werden soll. Der Leipziger Polizeipräsident ergänzte, dass die Polizei daher ihre Kontrollpraxis bezüglich dem Mitführen von Waffen ebenso anpassen werde, wie sie es schon nach dem Urteil des OVG Bautzen vom 24.3.21 getan hätten. Dieses hatte die Verordnung über das Verbot zum Mitführen von gefährlichen Gegenständen für rechtswidrig erklärt.

Ein Erfolg der sozialen Bewegung

Seit der Ankündigung vor fast 3 Jahren, eine Waffenverbotszone auf der Leipziger Eisenbahnstraße einzurichten, haben wir zusammen mit vielen anderen engagierten Anwohner:innen, Initiativen2 und Organisationen für deren Abschaffung gekämpft. Dieses Ziel haben wir gemeinsam als soziale Bewegung erreicht.

Wir haben Kunstaktionen gemacht, Demonstrationen, Informations- und Diskussionsveranstaltungen organisiert, zahlreiche Interviews und Redebeiträge gegeben, uns an der Evaluation der WVZ beteiligt, die Klage mit angestoßen, einen Stadtratsbeschluss initiiert und soooo viel mehr. Unsere Kampagne „Waffenverbotszone abschießen – soziale Sicherheit stärken“3 trug außerdem zu einer stärkeren Vernetzung innerhalb des Viertels und der tieferen Auseinandersetzung über das Thema Polizei in Leipzig und Sachsen bei.

Verdachtsunabhängige, diskriminierende Kontrollen bleiben weiter bestehen

Allerdings ist die WVZ rechtlich noch nicht gänzlich aufgehoben, die Schilder stehen immer noch und verdachtsunabhängige und diskriminierende Kontrollen wird es leider weiterhin geben.

Das funktioniert, da die Viertel um die Eisenbahnstraße wohl weiter als sog. Gefährliche Orte von der Polizei eingeordnet werden und es eine entsprechende Rechtsgrundlage im Polizeigesetz gibt. Zwar kündigte sowohl der Polizeipräsident als auch der Leiter des Sächsisches Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung an, dass Racial Profiling ein Problem darstelle und eine Reflexion dahingehend stattfinden müsse. Doch wir wissen, dass Rassismus und andere Formen von Diskriminierung strukturell sind und im Polizeiapparat angelegt sind, daher wird es diskriminierende Kontrollen geben, solange die Polizei im kapitalistischen Nationalstaat besteht. Ob hier oder anderswo, sie schützt vornehmlich herrschaftliche Interessen und verfolgt reaktionäre Ziele.

Die Studie und deren Interpretation

Die Reihe an Kritikpunkten, die wir schon zu Beginn an der Evaluation formuliert haben4, ließe sich noch weiter fortsetzen. Ausführlich wird das allerdings zu einem späteren Zeitpunkt passieren. Was sich jedoch schon sagen lässt ist, dass das Innenministerium bzw. die verantwortliche Hochschule der Polizei die eher Ergebnisse recht frei interpretiert oder sogar zu ihren Gunsten ins Gegenteil verkehrt.5 Dies geschieht natürlich, um die Einführung der Waffenverbotszone nicht als den Reinfall bezeichnen zu müssen, die sie tatsächlich ist. Wobei sie schon sehr genau suchen mussten, um überhaupt etwas zu finden, was im Ansatz positiv umgedeutet werden kann.

Subtilere Formen von Überwachung und Repression

Zugleich wurde jedoch auch angekündigt, dass mit der Abschaffung der WVZ eine Reihe von anderen Maßnahmen einhergeht, um diesen „Verlust“ zu kompensieren. So wird es mehr Fuß- und Fahrradstreifen geben und auch die sog. Drogenanbieterszene soll weiter hart verfolgt werden. Dazu kommen eine Reihe von subtileren Formen von Repression, ganz nach den bekannten Modellen (vorwiegend aus den USA abgeschaut), beispielsweise indem mehr zivile Akteur:innen oder die lokale Polizeibehörde mit in polizeiliche Arbeit einbezogen werden.

Auch soll mehr gegen Müll und mehr für Verkehrssicherheit getan werden. Das ist zwar grundsätzlich zu begrüßen, sollte aber grundsätzlich anders organisiert sein, als durch den repressiven Polizeiapparat.

Wir kämpfen weiter

Wir können uns freuen, dass wir die „Waffenverbotszone“ als neues autoritäres Werkzeug im Instrumentenkasten der Polizei weggekämpft haben. Wohl nirgendwo sonst in Sachsen ließe sich diese so gut legitimieren wie im Raum der Eisenbahnstraße. Auch konnten wir sehen, dass der Druck der sozialen Bewegung und ein Angriff auf vielen Ebenen (zivilgesellschaftlich, lokalpolitisch & rechtlich) Erfolge bringen kann, die autoritäre Entwicklung zumindest ein bisschen einzugrenzen.

Doch mehr Sicherheit oder gar Gerechtigkeit können wir nicht davon erwarten. Daher kämpfen wir weiter gegen Überwachung, Verdrängung und Rassismus; für soziale Sicherheit und die Abschaffung der Polizei!

1 https://www.youtube.com/watch?v=ztp2YxMXIO8; https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/252888; https://sidas16.extranet.sachsen.de/#/public/shares-downloads/GiuHSlHd7a9ZqOlcKmvy4Zq4J7NsgLRZ

2 https://linxxnet.de/kampagne/wp-content/uploads/2020/12/Offener-Brief-zurWaffenverbotszone-Eisenbahnstrasse_26.10.2018-1.pdf

3 https://copwatchleipzig.home.blog/wvz-abschiesen/

4 https://copwatchleipzig.home.blog/evaluation-der-wvz/evaluation-der-waffenverbotszone-kritik-an-der-studie/

5 https://www.l-iz.de/politik/brennpunkt/2021/06/evaluierung-der-waffenverbotszone-in-der-eisenbahnstrasse-keine-positiven-auswirkungen-also-behalten-wir-das-ding-394886

English

The de facto abolition of the gun ban zone


At the press conference (1) on 9.6.21, the Saxon Minister of the Interior announced that the weapons ban zone (Waffenverbotszone) on Leipzig’s Eisenbahnstraße would soon be “overcome”. The Leipzig police chief added that the police would therefore adjust their control practice regarding the carrying of weapons in the same way as they had already done after the sentence of the OVG Bautzen (highest court of administration in Saxony) of 3/24/21.This had declared the ordinance on the ban on carrying dangerous objects illegal.

A success of the social movement

Since the announcement almost 3 years ago to establish a weapons ban zone on Leipzig’s Eisenbahnstraße, we have fought together with many other committed residents, initiatives (2) and organizations for its abolition. We achieved this goal together as a social movement.

We did art actions, organized demonstrations, information and discussion events, gave numerous interviews and speeches, participated in the evaluation of the WVZ, helped to initiate the lawsuit, initiated a city council resolution and soooo much more. Our campaign “Shoot down gun ban zone – strengthen social security “(3) also contributed to stronger networking within the neighborhood and deeper discussion about the issue of police in Leipzig and Saxony.

Suspicionless, discriminatory controls remain in place

However, the WVZ is not yet legally lifted completely, the signs are still up and suspicion-independent and discriminatory controls will unfortunately continue to exist.
This works because the neighborhoods around Eisenbahnstraße will probably continue to be classified as so-called dangerous places by the police and there is a corresponding legal basis in the Police Act (Sächsisches Polizeivollzugsdienstgesetz). It is true that both the police chief and the head of the Saxon Institute for Police and Security Research announced that racial profiling is a problem and that reflection on this must take place. But we know that racism and other forms of discrimination are structural and inherent in the police apparatus, so discriminatory controls will exist as long as the police exist in the capitalist national state. Whether here or elsewhere, it primarily protects domineering interests and pursues reactionary goals.

The study and its interpretation

The series of criticisms that we already formulated at the beginning of the evaluation(4) could be continued. However, this will happen in detail at a later point in time. What can already be said, however, is that the Ministry of the Interior or the responsible police university interprets the rather free results or even turns them into the opposite in their favor.(5) This happens, of course, in order not to have to describe the introduction of the weapons ban zone as the failure that it actually is. Whereby they had to look very hard to find anything at all that could be reinterpreted in a positive way.

More subtle forms of surveillance and repression

At the same time, however, it was also announced that the abolition of the WVZ will be accompanied by a number of other measures to compensate for this “loss.” For example, there will be more foot and bicycle patrols, and the so-called drug supplier scene will also continue to be pursued hard. In addition, there will be a number of more subtle forms of repression, based on familiar models (mainly copied from the U.S.), for example by involving more civilian actors or the local police authority in police work.

Also, more is to be done against litter and more for traffic safety. This is to be welcomed in principle, but it should be organized differently than by the repressive police apparatus.

We continue to fight

We can be pleased that we have fought away the “no-gun zone” as a new authoritarian tool in the police toolbox. Probably nowhere else in Saxony could this be legitimized as well as in the Eisenbahnstraße area. Also, we could see that the pressure of the social movement and an attack on many levels (civil society, local politics & legally) can bring success to limit the authoritarian development at least a little bit.

But we cannot expect more security or even justice from it. Therefore we continue to fight against surveillance, displacement and racism; for social security and the abolition of the police!

1 https://www.youtube.com/watch?v=ztp2YxMXIO8; https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/252888; https://sidas16.extranet.sachsen.de/#/public/shares-downloads/GiuHSlHd7a9ZqOlcKmvy4Zq4J7NsgLRZ

2 https://linxxnet.de/kampagne/wp-content/uploads/2020/12/Offener-Brief-zurWaffenverbotszone-Eisenbahnstrasse_26.10.2018-1.pdf

3 https://copwatchleipzig.home.blog/wvz-abschiesen/

4 https://copwatchleipzig.home.blog/evaluation-der-wvz/evaluation-der-waffenverbotszone-kritik-an-der-studie/

5 https://www.l-iz.de/politik/brennpunkt/2021/06/evaluierung-der-waffenverbotszone-in-der-eisenbahnstrasse-keine-positiven-auswirkungen-also-behalten-wir-das-ding-394886

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